17. April 2013

Die Kehrseite des Social Media-Wahlkampfes


Viele Politiker führen Wahlkampf nicht mehr nur auf Plätzen und in Sälen, sondern auch im Internet. Wissenschaftler zweifeln am Erfolg.

„Wenn einer von uns in zehn Jahren ein erfolgreicher Politiker sein will, kommt er ohne virtuelle Kommunikation gar nicht mehr aus“, prophezeit Ingmar Jung von der Jungen Union. Vor allem im Wahlkampf wird auf facebook, twitter und Co. gesetzt, eine eigene Homepage ist unter Politikern schon zur Selbstverständlichkeit geworden.
Hans Mathias Kepplinger hingegen, emeritierter Professor für Publizistik an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, dämpft solchen Enthusiasmus. Er hat sich in einer Studie mit dem virtuellen Wahlkampf der Parteien auseinandergesetzt.

„Die Politiker halten das Internet für sehr wichtig. Die Bedeutung der Kommunikation dort wird aber grob überschätzt. Nur dann, wenn traditionelle Medien wie Zeitungen oder das Fernsehen Diskussionen aus dem Internet aufgreifen, bekommen sie Reichweite.“

Viele der politischen Entscheidungsträger hätten ihr Online-Angebot nach dem amerikanischen Wahlkampf 2008 ausgebaut, den Barack Obama für manche Beobachter vor allem im Netz gewonnen habe. Dabei habe Obama die Wähler nur erreicht, weil die wichtigen Fernsehsender ihn quantitativ und qualitativ „massiv“ unterstützt hätten, sagt Kepplinger.

Verschiedene Beispiele untermauern Kepplingers These:

  • Grünen-Politiker Daniel Mack versorgt seine fast 10.000 Follower bei twitter mehrmals täglich mit neuesten Informationen aus seinem (Politiker-)Leben. 2011 kostete ihn sein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis den Platz als Kreistagsabgeordneter im Main-Kinzig-Kreis, weil er nach Ansicht seiner Parteifreunde zu viel und nicht immer konform kommunizierte.
  • Sozialdemokrat Thorsten Schäfer-Gümbel erlebte die Kehrseite der Online-Kommunikation zuletzt Ende Januar. Ein peinlicher Tippfehler brachte ihm einigen Spott ein. Auf Twitter schrieb er den Deutsche- Bank-Chef Anshu Jain „Chain“, was ihn für viele Nutzer des Internetdienstes nicht gerade als Kenner des Finanzmarktes kennzeichnete. Das komische Potential von Schäfer-Gümbels Gezwitscher machte auch die Macher des Satiremagazins „Titanic“ aufmerksam. Auf einer Kopie des Politiker-Profils verbreiteten sie seit 2010 allerhand Unsinn in seinem Namen – für etwa 5000 Follower.

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Ein Tweet der „Titanic“-Kopie von Schäfer-Gümbels Profil

  • Auch Ministerpräsident Volker Bouffier kennt die Sticheleien der Netzgemeinschaft. Als er im April sein Profilbild aktualisierte, kommentierte ein Nutzer dieses mit den Worten: „Sexy wie eh und je!“ Ein anderer fragte: „Kollege Bouffier, wo lassen Sie Ihre Haare schneidern?“
  • Die Klick-Zahlen zu hochgeladenen Filmen bewegen sich außerdem nur selten im dreistelligen Bereich. Was der Landtagsabgeordnete Jürgen Lenders (FDP) beispielsweise Ende März im Landtag zum Mittelstandsgesetz sagte, haben sich bisher lediglich fünf Leute auf dem Youtube-Kanal „FDP-Fraktion Hessen“ angesehen. Drei Jahre nachdem der Kanal angelegt wurde, zog er inzwischen überschaubare dreizehn Abonnenten an.

In der Politik hält man dennoch an der Online-Kommunikation fest. Obwohl Social Media nicht das einzige und stärkste Instrument im Wahlkampf sein werde, spiele es doch eine zunehmend wichtige Rolle, hebt eine Sprecherin der hessischen CDU dennoch hervor. Es gehe vielmehr um den richtigen Umgang mit den digitalen Medien. Dafür biete die Partei Workshops für Mitarbeiter und Mandatsträger an. Zusätzlich gebe es „Social Media-Leitlinien“ (siehe News vom 10. April 2013), die intern verteilt würden. Vor allem mit jungen Leuten wolle man online kommunizieren und offline dann die Resultate umsetzen.

 


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