30. Januar 2012

Linkschau, 30.01.2012: Angst vor „Zensur“ durch Twitter


Erneut ist die Netzgemeinschaft in Aufruhr. Diesmal sorgt die Mikroblogging-Plattform twitter für hitzige Diskussionen. Künftig sollen Tweets in einzelnen Ländern blockiert werden, wenn die Inhalte gegen dort bestehende Gesetze verstoßen. Bisher mussten solche Beiträge weltweit gelöscht werden. Durch die Einführung länderspezifischer Filter erhofft man sich Fortschritte bei der internationalen Expansion. Kritiker können diesen Schritt nicht nachvollziehen, sprechen von Zensur und Meinungsunterdrückung:

„Das ist eine sehr schlechte Nachricht“, schrieb der ägyptische Aktivist Mahmud Salem. Später fügte er hinzu: „Kann man sagen, dass Twitter uns verkauft?“ Und der chinesische Künstler und Dissident Ai Weiwei drohte: „Wenn Twitter zensiert, dann höre ich auf zu twittern.“

Die Welt kompakt: „Dann höre ich auf zu twittern“

Auch von Seiten von Berufsjournalisten wird das Vorhaben äußerst skeptisch beäugt:

Die Organisation Reporter ohne Grenzen kritisierte die Ankündigung scharf. Dies sei „eine Art der Zusammenarbeit mit Zensoren“, erklärte die Journalistenorganisation in Paris. Es sei „eine schlechte Nachricht für die Meinungsfreiheit“.

Welt Online: Filter sollen illegale Inhalte auf Twitter zensieren

Redakteur Jürgen Vielmeier ergreift im Namen der Blogosphäre das Wort. Seiner Meinung nach sei twitter mit dem Filter-Vorhaben zu weit gegangen:

Twitter gehe es bloss darum, neue Märkte wie China zu erschliessen. Dafür verschenke der Dienst „ohne Not die eigenen Ideale“ und betreibe Selbstzensur, kritisiert Vielmeier.

Netzwoche: Twitter zensiert, Nutzer rebellieren

twitter selbst versucht, die Wogen zu glätten und erklärt:

Stattdessen werde man ausschließlich „reaktiv“ tätig werden. „Wir werden nur antworten, wenn ein gültiges juristisches Ersuchen vorliegt“, sagte ein Twitter-Sprecher dem Blog Techradar.

Zeit Online: Twitter filtert Inhalte nicht systematisch

Damit möchte man versichern, dass Tweets erst nach eingehender Analyse des Inhalts gesperrt werden können. Geblockte Beiträge sollen zudem als solche kenntlich gemacht werden. Das Web-2.0-Magazin t3n versucht, den Sturm der Entrüstung zu relativieren. Zum Vorhaben von twitter schreibt Falk Hedemann:

Das bedeutet zunächst einmal, dass Twitter sich als globales Unternehmen positioniert und sich dabei der Aufgabe stellen muss, die jeweiligen Landesgesetze, Kulturen und Gepflogenheiten zu berücksichtigen. […] Twitter verpflichtet sich gleichzeitig der Transparenz und will gesperrte Tweets als solche anzeigen und zusätzlich die Gründe für die Sperrung nennen.
Zum Schluss betont Twitter, dass man die öffentliche Meinung der Nutzer wo es geht verteidigen werde und in allen anderen Fällen Transparenz beweisen wolle.

t3n: Twitter-Zensur: Wenig Gründe für große Aufregung

Verstärktes Interesse an eine Zensur der twitter-Beiträge dürfte auch die Politik haben. In Deutschland beispielsweise werden Tweets mit Nazi-freundlichem Inhalt gesperrt – vor dem besonderen historischen Hintergrund des Landes, wie es heißt. Was auch immer die wahren Motive für das Blockierungsvorhaben von twitter sind und vor welchem Hintergrund auch immer diese betrachtet werden müssen – Jillian C. York von der Electronic Frontier Foundation bringt es auf den Punkt:

Let’s be clear: This is censorship. There’s no way around that. But alas, Twitter is not above the law.

jilliancyork.com: Thoughts on Twitter’s Latest Move


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