11. Oktober 2012

Kann man sich als Politiker der Digitalisierung entziehen?


Peer Steinbrück will Bundeskanzler werden und ist bekennender Social Media-Skeptiker. David Cameron ist Premierminister und will mit seinem neuen twitter-Account “on the side of people who want to get on in life”. Während der eine sich davor scheut, in eine Welt einzutreten, in der er nicht authentisch auftreten könne, wird der andere mit scharfen Tweets konfrontiert.

Der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück besitzt zwar ein facebook-Profil, doch das betreuen seine Mitarbeiter. Bei twitter ist er gar nicht vertreten. Mit seiner Skepsis gegenüber Social Media hinkt er vielen Parlamentariern hinterher – allen voran Sigmar Gabriel, der gern und viel twittert, oder Angela Merkel, die über ihren Regierungssprecher Steffen Seibert auf der Mikroblogging-Plattform aktiv ist. Steinmeier musste sich zuletzt auf einer Podiumsdiskussion für seine mangelnde Kommunikation im Internet rechtfertigen. Seine Begründung lautete, er wolle nicht als geschauspielert empfunden werden und seine Glaubwürdigkeit verlieren.

Doch könnte die Rücksicht auf einen möglichen Glaubwürdigkeitsverlust stattdessen einen Wählerverlust für die bevorstehende Bundestagswahl 2013 bedeuten? Kann man es sich als Politiker überhaupt noch leisten, sich der Digitalisierung zu entziehen?

Meinungsforscher Klaus-Peter Schöppner vom TNS-Emind-Institut in Bielefeld gab auf BILD.de Entwarnung:

„Ich glaube nicht, dass Wahlen über Social Media wie Facebook und Twitter entschieden werden. Damit erreicht man nur eine relativ kleine Zielgruppe, die eher aus Nicht-Wählern besteht und nicht zu den etablierten Parteien tendiert. Solche Informationskanäle tragen in der politischen Kommunikation sogar eher zur Verwirrung der Wähler bei. Je größer die Informationsflut wird, desto mehr kommt es darauf an: Wer ist glaubwürdig, wer wirkt authentisch, wer gilt als jemand, dem die Anliegen der Bürger wichtiger sind als die Interessen der eigenen Partei?“

Stephan Humer, Internet-Soziologe und Forschungsleiter an der Universität der Künste Berlin, vertritt dagegen die Ansicht:

„Wer sich der Digitalisierung komplett entzieht, wird immer unglaubwürdiger.“

Allerdings räumt er ein: „Steinbrücks digitale Abstinenz dürfte 2013 noch nicht wahlentscheidend sein.“ Für einen Großteil der Bevölkerung sei das Thema dann doch noch zu nachrangig. Dennoch scheint die SPD die Relevanz von Social Media für die Zukunft nicht zu unterschätzen. Es wird bereits an einer Strategie für einen Social Media-Auftritt Steinbrücks gefeilt.

Auch David Cameron hat den Trend der Zeit erkannt und hat seine Social Media-Aktivitäten erweitert. Seit vergangenem Sonntag ist er als @david_cameron bei twitter aktiv, allerdings mit dem Hinweis:

“I promise there won’t be ‘too many tweets …’ ”

Bereits nach wenigen Stunden hatte Cameron mehr als 80.000 Follower. Das Interesse ist groß, jedoch kamen unter dem Hashtag #askdave auch viele weniger schmeichelhafte Fragen an den Premierminister zusammen. Die These des Meinungsforschers Schöppner, dass die Social Media-Zielgruppe eher nicht zu den etablierten Parteien tendiere, scheint sich also zu bestätigen.

 

Es lässt sich resümieren, dass digitale Abstinenz zwar bishlang noch keine Wahlen entscheidet, aber dass Social Media-Skepsis von Politikern möglicherweise langfristig zu Skepsis seitens der Wähler führen kann, wenn sich ein Parlamentarier nicht auch der Kritik des „Long Tail“ stellt.

 

Quellen:

Bild.de: Wie wichtig wird das Internet im Wahlkampf? (02.10.2012)

NYTimes.com: David Cameron joins twitter and pith follows (08.10.2012)

 

 

 


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