7. November 2012

Afrika 2.0: Mit innovativem Campaigning gegen politische Kontrolle


Das analoge und das digitale Afrika prallen oftmals aufeinander. Im Regierungssitz Daressalam residiert Tansanias führende Oppositionspartei CHADEMA in einem einstöckigen Haus an einer ungeteerten Sandpiste. Als Konferenzraum dient eine Art Terrasse unter freiem Himmel. Doch die Parteimitglieder betreiben einen TV-Kanal im Internet, sind gleichermaßen aktiv wie populär auf Facebook und nutzen ganz selbstverständlich das Handy zur Mobilisierung ihrer Anhänger. Vom Afrika 2.0 können westliche Politiker noch einiges lernen.

Stimmenfang per MemorystickObwohl es in Kenia weniger Einwohner und Internetanschlüsse als in Deutschland gibt, hat die dortige Präsidentschaftskandidatin Martha Karua mehr Anhänger in den Sozialen Medien als Bundeskanzlerin Angela Merkel. In Namibia verschickt die oppositionelle Rally for Democracy and Progress (RDP) die Einladungen zu ihren Versammlungen fast ausschließlich per SMS. Die Partei hat Zehntausende von Handynummern ihrer Anhänger erhalten und in einer Datenbank gespeichert. In der Republik Südafrika verteilte die Inkatha Freedom Party (IFP) ihr Parteiprogramm bei den Kommunalwahlen im vergangenen Jahr auf einem Memorystick.

„Es ist wirklich eine Revolution“, urteilt Jake Obetsebi Lamptey, Chairman der New Patriotic Party (NPP) in Ghana.

Die Wahlkämpfer auf dem Kontinent diskutieren und probieren fortwährend neue Instrumente der politischen Kommunikation aus – schließlich kontrolliert die Regierung in etlichen Ländern der Region den wirkungsmächtigen Rundfunk. Dank des digitalen Zeitalters können die Innovativen der demokratischen Opposition ihre Botschaften Youtube trotzdem zum Bürger transportieren – direkt und ungefiltert.

Im Wahlkampf 2008 gab es in Simbabwe weder  Zeitungs- noch Radio- oder Fernsehberichterstattung über die jetzige Regierungspartei Movement for Democratic Change (MDC). Stattdessen schaute man nach Alternativen und konnte über Facebook, Twitter, Youtube und Co. als „Ersatz-Medienplattformen“ zur Meinungsbildung beitragen. Dadurch fällt es den Regierenden schwer wie nie zuvor, der Öffentlichkeit relevante Informationen und Fakten vorzuenthalten.

Die Chancen für die politische Kommunikation sind vielfältig: Es bietet sich die Gelegenheit, Menschen in entlegenen ländlichen Gebieten zu kontaktieren – dem mangelhaften Straßennetz und der bisweilen ungenügenden Infrastruktur zum Trotz. Die traditionelle Einweg-Kommunikation („top-down“) wird durch Interaktivität ergänzt, vielleicht sogar ersetzt. Partizipation und Mobilisierung sind auf einem bisher gänzlich unbekannten Level möglich – von aktuellen Veranstaltungshinweisen über Fundraising bis zu auf diesem Wege übermittelten Vorschlägen für das Wahlprogramm. Eine neue Form der Nähe und Unmittelbarkeit wird in den medialen Alltag integriert – die politischen Akteure sind nicht mehr in gewohntem Maße an Ort und Zeit gebunden, wenn sie kommunizieren. Darüber hinaus kann auch die Jugend, die wichtigste Zielgruppe dieser Tage in ganz Afrika, mit den neuen Kommunikationsinstrumenten anders, nämlich: zeitgenössisch und besser, angesprochen werden.

Die Lösungen fallen in Afrika häufig pragmatisch aus. In Mosambik schickt die demokratische Oppositionspartei Movimento Democratico de Mocambique (MDM) ihre Kurzmitteilungen auf das Handy von bis zu 10.000 Bürgern. Die Organisation nimmt bereits Rücksicht auf die Verhältnisse vor Ort und hält die versandte Datenmenge sehr klein. Die SMS bestehe laut Parteivorsitzendem Daviz Simango manchmal nur aus fünf oder sechs Wörtern. Damit informiere man die Unterstützer kompakt über relevante Themen wie beispielsweise ausbleibende Lehrergehälter.

Vollbild anzeigenAm Ende bleibt als größte Herausforderung: Wie bindet man die Menschen in den ländlichen und armen Regionen, denen der Zugang zur modernen Technologie erschwert ist, in die Kommunikationsprozesse des 21. Jahrhunderts ein? Schließlich dürfen auch die „analogen Menschen“ nicht aus den Augen verloren werden. Der Campaigner Libolly Haufiku aus Namibia weiß:

 „Der persönliche Kontakt ist und bleibt entscheidend. Nur so lässt sich eine Brücke zwischen dem analogen und digitalen Afrika bauen.“

In diesem Jahr trafen sich die Mitglieder der Wahlkampf-Plattform „E-lection Bridge Africa“, auf der sich Praktiker aller demokratischen Parteien Afrikas über Ländergrenzen hinweg austauschen, zu ihrem Gipfeltreffen im tansanischen Daressalam. Am ersten Tag beobachteten sie als Gäste eine CHADEMA-Großveranstaltung vor geschätzten 25.000 Zuschauern. Mit Blick auf das wogende Meer von blau-weiß-roten Fahnen, Transparenten und T-Shirts der CHADEMA sagte ein Teilnehmer anerkennend:

„Diesen Geist kriegt keine Regierung mehr in die Flasche zurück.“

 

Mehr zu „E-lection Brigde Africa“ erfahren Sie hier.

 


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