17. Juli 2012

„Die Leitfunktion wandert in den Online-Bereich“ – Gerhard Vowe über die Konsequenzen des digitalen Wandels


Wie wird sich die politische Kommunikation verändern? Wird es künftig noch ein Leitmedium geben? Oder wird der Einfluss neuer digitaler Medien und Informationskanäle völlig überschätzt?  Zu diesen und anderen Fragen zur Veränderung der politischen Kommunikation durch Online-Medien stand Prof. Dr. Gerhard Vowe im Interview mit dem medienpolitischen Magazin Promedia Rede und Antwort.

Vowe nimmt im Interview Stellung zur Bedeutung veränderter Meinungsbildungsprozesse, den Konsequenzen des digitalen Wandels für die gesellschaftliche Information und Kommunikation sowie zur Relevanz von sozialen Netzwerken wie facebook und twitter.
Seit 2011 geht der Kommunikations- und Medienwissenschaftler im Rahmen der Forschergruppe „Politische Kommunikation in der Online-Welt“ der Frage nach, welcher politische Einfluss welchen Online-Medien von wem unterstellt wird, auf welche Ursachen dies zurückzuführen ist und welche Konsequenzen sich für politische Vorstellungen, Einstellungen und Verhaltensweisen ergeben.

Hier finden Sie einen Überblick über die interessantesten Antworten:

Die traditionellen Grenzziehungen in der gesellschaftlichen Kommunikation werden obsolet im Zuge der Digitalisierung. Denn Massenkommunikation, Gruppenkommunikation, interpersonale Kommunikation und Computerkommunikation lassen sich nicht mehr so sauber trennen, wie wir es gewohnt sind. Das Stichwort dafür ist Konvergenz: In der Online-Welt werden hybride Kombinationen dieser traditionell stark getrennten Kommunikationsformen möglich.

Es bildet sich eine neue Bevölkerungsgruppe heraus, die bereits in einer digitalen Welt aufgewachsen ist und mit den Möglichkeiten vertraut ist. Die müssen auch in politischer Hinsicht nicht von Offline auf Online umstellen, die sind an Online-Kommunikation gewöhnt und nehmen Innovationsschübe positiv auf. Wenn die sich politisch artikulieren und informieren, dann tun sie dies mit Hilfe von Online-Medien. Diese Gruppe sorgt für die Veränderung der politischen Kommunikation, und sie tut es umso mehr, je mehr sie in verantwortliche Positionen hineinwächst. Diese Gruppe kann man ziemlich genau umreißen, es ist etwa 1/6 der Bevölkerung, also schon etliche Millionen.

Die Bindungen der Bürger an etablierte Organisationen, ob Parteien, Verbände oder staatliche Instanzen, lockern sich weiter. Die Amplituden der Ausschläge in der Wählergunst werden größer. Da kann es auch schon einmal zu Sprüngen im zweistelligen Bereich kommen, wie wir es in den letzten Jahren erlebt haben. Die Organisationen müssen also flexibler werden, zugleich dürfen sie ihre Identität nicht verlieren, nicht zuletzt deshalb, um diejenigen weiterhin zu binden, die ihnen traditionell stark verbunden sind. Das ist alles andere als einfach.

Politische Inhalte sind in sozialen Netzwerken wie facebook oder twitter kaum zu finden, und es wird dort vergleichsweise wenig über Politik diskutiert. Insofern tragen soziale Netzwerke nur wenig direkt zur politischen Meinungsbildung bei. Allerdings weisen sich die Nutzer sozialer Netzwerke zunehmend gegenseitig auf Beiträge oder Videos aus dem Online-Angebot klassischer Massenmedien hin. Insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene werden so durch soziale Netzwerke auf politische Themen und journalistische Beiträge aufmerksam. Insofern haben soziale Netzwerke eine wichtige Hinweis- und Lotsenfunktion und tragen indirekt zur Meinungsbildung bei.

Erste Befunde zeigen, dass Menschen den Einfluss von Online-Medien differenziert wahrnehmen. Dem Internet als Ganzes wird zum Beispiel ein deutlich stärkerer politischer Einfluss unterstellt als spezifischen Online-Angeboten wie twitter oder facebook. Insgesamt zeichnet sich ab, dass klassische Massenmedien immer noch als politisch einflussreicher eingeschätzt werden als beispielsweise soziale Netzwerke. Allerdings hat auch die Einflusswahrnehmung von Online-Medien Konsequenzen: Wenn Menschen beispielsweise glauben, dass das Internet einen starken negativen politischen Einfluss auf andere hat, verbreiten sie ihre eigene politische Meinung besonders intensiv über Online-Medien, um den unerwünschten Einfluss auszugleichen.

Das gesamte Interview finden Sie unter diesem Link.


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